News

"Bester Job der Welt"

"Bester Job der Welt"

Im Rahmen der 50. Internationalen Dortmunder Schachtage führte Pressesprecher Patrick Zelbel ein ausführliches Interview mit Artur Jussupow über seine Aufgaben in Dortmund, die Highlights seiner Karriere, Schach für Kinder und die Chancen im deutschen Schach. Ein Ausschnitt erschien am 6. Juli im Sportteil der Tageszeitungen von Lensing Media, Zeitungsverlag Rubens und Medienhaus Bauer.

Artur Jussupow ist in den Internationalen Dortmunder Schachtagen seit den 1990er Jahren verbunden. Jussupow ist Schachgroßmeister seit 1980 und gehörte zur absoluten Weltspitze. Heute vermittelt er sein Wissen als Schachtrainer und Kommentator weiter.

Was machst du aktuell hier in Dortmund?

Ich habe hier den besten Job der Welt, denn ich bin Schachkommentator der Internationalen Dortmunder Schachtage zusammen mit Fiona. Wir kommentieren live für Onlinepublikum weltweit auf Englisch, in erster Linie für ein Schachpublikum. Und es ist eine Freude für mich hier in Dortmund zu sein, und einfach die 50. Schachtage mitzuerleben und das Jubiläum zusammen zu feiern.

67 1997 jussupow 1997 minZu deiner Schachkarriere (Foto 1997, von Christian Lünig): Du hast 3-mal das Halbfinale in den Kandidatenturnieren für die Weltmeisterschaft erreicht. Wann warst du besonders knapp am WM-Titel?

In der Retroperspektive verstehe ich, dass ich nie wirklich ganz nah dran war. Ich hatte die Chancen in einem Zweikampf gegen Anatoly Karpow. Mit ein wenig mehr Glück hätte ich dieses Duell gewinnen können. Aber objektiv sehe ich, dass Karpow und Kasparow einfach bessere Spieler in dieser Zeit waren.

Was hat die beiden Weltmeister Karpow und Kasparow besonders gemacht?

Vor allem ihr Schachverständnis. Sie waren auf einer höheren Ebene als ich oder andere Großmeister. Sie haben einige Sachen des Spiels verstanden, die ich vielleicht noch nicht verstanden hatte. Es ist dann sehr schwierig mit Spielern, die so ein Talent besitzen und so hart arbeiten, zu konkurrieren. Da braucht man neben den 100%, die man geben muss, auch etwas Glück.

Was war denn rückblickend dein schönster Erfolg deiner Spielerkarriere?

Da hatte ich einige. Vielleicht der Zweikampf gegen Jan Timman im Viertelfinale um die Weltmeisterschaft. Da habe ich sehr gut gespielt und hatte einige richtig gute Momente. Genau wie ich eine „Sternstunde“ hatte im Zweikampf gegen Wassily Iwantschuk. So etwas erleben zu dürfen, gegen die besten Spieler der Welt wirklich in einen Flow zu kommen, ist ein fantastisches Gefühl.

Du hast mehrfach mit der Sowjetunion die Schacholympiade gewonnen. Was ist das Besondere im Mannschaftsschach?

Manchmal gibt es wirklich tolle Verhältnisse im Mannschaftsschach, dann kann man noch mehr abrufen als im Einzelschach. Das motiviert dann zusätzlich für das Team zu spielen. Mit der sowjetischen Mannschaft war das allerdings kaum der Fall. Wir waren einfach die besten Einzelspieler und das genügte dann als Team.

Aber ich erinnere mich heute an die Atmosphäre im deutschen Team in Istanbul 1998, als ich dann nach Deutschland gewechselt war. Den zweiten Platz bewerte ich höher als die fünf Siege mit der sowjetischen Mannschaft. Wir hatten während des Turniers eine große Geschlossenheit in der Mannschaft und der zweite Platz war ein großer Erfolg.

Stream Artur Kramnik FionaErinnerst du dich noch, wann du das erste Mal bei den Internationalen Dortmunder Schachtagen spieltest?

Das war 1994. Damals war mir nicht bewusst, was dann aus diesem Turnier wird. Für mich war es einfach ein sehr starkes Turnier. Aber jetzt, wo hier das Jubiläum gefeiert wird, merke ich was für eine große Leistung der Organisatoren das ist. Für mich sind es sehr schöne Erinnerungen an die starken Turniere, die Stadt und die Atmosphäre. Ich bin auf Spitzenspieler getroffen und hatte tolle Partien. Ich muss aber sagen ich genieße es nun noch mehr als Schachkommentator zu arbeiten. Ich sehe jetzt erst, wie sehr das Team für das Event arbeitet. Das ist aktuell der stärkste Eindruck, einige ehrenamtliche Helfer, da bin ich sehr froh ein Teil des Teams zu sein.

Du betreibst eine Schachakademie in Süddeutschland. Wie kann man sich das vorstellen?

Meine Frau und ich haben eine gemeinnützige Gesellschaft gegründet und unterrichten Kinder im Schach. Ich versuche aus meiner Position meine Erfahrungen zu teilen mit Kindern, aber auch mit weiteren Trainern. Ich habe in meiner eigenen Laufbahn sehr viel von anderen Schachlehrern gelernt, wie Mark Dworezki oder Michail Botwinnik. Die haben sich damals Mühe gegeben mit mir als junger Spieler zu arbeiten. Das war besonders für mich und ich möchte davon nun etwas zurückgeben und jungen Menschen ermöglichen teilzuhaben an dem Wissen, dass ich bekommen habe.

Hussain Besou kleinWer sind deine bekanntesten Schüler?

Es läuft gut in unserer Schachakademie, viele Kinder haben den Sprung in die deutschen Kader und Jugendnationalmannschaften geschafft. Leonardo Costa habe ich trainiert (mit 15 bereits einige Zeit Bundesligastammspieler), auch mit Hussain Besou (Foto, 11-jähriges Spitzentalent Deutschlands) habe ich gearbeitet, es waren viele.

Welchem deutschen Spieler traust du es zu in die Weltspitze zu gelangen?

Einer hat es schon fast geschafft, Vincent Keymer. Ich durfte ihn auch ein wenig auf seinem Weg begleiten und das ist natürlich ein Supertalent. Ich hoffe, dass er sich weiter so gut entwickelt wie bisher.

Warum würdest du Kindern empfehlen mit dem Schachspiel zu beginnen?

Das ist ein großes Thema, es gibt viele Gründe. Aber besonders in dieser aktuellen Zeit ist Schach noch wichtiger geworden. Diese Zeiten sind zu schnell und hektisch. Man verlangt von Kindern oft schnell zu reagieren, es ist eine hektische Welt, leider auch in der Schule. Schach ist in gewissem Sinne eine Gegenposition. Wir können Kindern helfen, etwas tiefer in eine Materie zu gehen und sich mit einer Sache genau zu beschäftigen. Man lernt aber auch sehr viele Fähigkeiten, die in jeder Arbeit wichtig sind: Wie man Informationen verwertet, sein Gedächtnis verbessert, Erinnerungen abruft und Informationen in einer schöpferischen Weise verwendet. Man weiß aus Studien, dass dies besonders in jungem Alter eine Rolle spielt. Schach bringt Fähigkeiten spielerisch bei.

Was würdest du Leuten empfehlen, die Schach interessant finden, aber selbst bislang nicht spielen?

Es ist nie zu spät anzufangen. Ich habe vor einigen Jahren in der Schweiz viele Kurse für Erwachsene Anfänger gegeben. Ich erinnere mich heute noch an die Begeisterung der Besucher. Auch online gibt es nun viele Kurse und Programme für Beginner. Ich würde aber auch empfehlen sich einen Verein in der Umgebung zu suchen, und einfach vorbeizuschauen. Oder einfach mal ein Turnier besuchen, so wie die Dortmunder Schachtage.

Was macht Schach für dich nach all den Jahren immer noch so spannend?

Man lernt immer noch jedes Mal etwas Neues. Das „No Castling Chess“ aus Dortmund ist das beste Beispiel. Wir haben Partien auf allerhöchstem Niveau gesehen und Profis entdecken Ideen und Probleme, die sie selbst vorher noch nie gesehen haben. Und die Lösungen der Spieler sind spannend und da lerne ich noch vieles dazu.

Was würdest du dir für den Schachsport in Deutschland wünschen?

Wir müssen irgendwie gemeinsam in eine Richtung gehen. Das ist das Wichtigste. Die Schachverbände hatten zuletzt zu viele strukturelle Probleme, vor allem interne. Wir müssen Schach populärer machen und Schach dorthin bringen, wo es der Sport verdient hätte. Der deutsche Schachbund, die Landesverbände, die Schachvereine müssen zusammenarbeiten. Vereine haben Probleme, wie das Onlineschach als Konkurrenz. Aber das ist auch eine Chance, um neue Spieler zu gewinnen. Zum Glück haben wir aktuell einige vielversprechende Spieler, die muss man unterstützen. Frauenschach ist ein Thema, in dem aktuell viel Potenzial steckt. Dort müssen wir die Spitzenspielerinnen unterstützen, um mehr Mädchen und Frauen zum Schach zu bringen. An den Dortmunder Schachtagen sieht man, wie viel man schaffen kann, wenn alle zusammen an einem Ziel arbeiten. So sitzen wir hier zum 50. Mal und feiern einen Teilnehmerrekord. So muss das auch in den Schachverbänden funktionieren.

Wir benutzen Cookies
Wir verwenden Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind für den Betrieb der Website unerlässlich, während andere uns helfen, diese Website und die Benutzererfahrung zu verbessern (Tracking-Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie Cookies zulassen möchten oder nicht. Bitte beachten Sie, dass Sie im Falle einer Ablehnung gegebenenfalls nicht alle Funktionen der Website nutzen können.