In den Ruhr Nachrichten ist heute bereits eine gekürzte Version des Interviews mit Matthias Blübaum erschienen. Welche Einblicke der deutsche Großmeister darüber hinaus gibt, lesen Sie exklusiv im vollständigen Gespräch hier auf der Website der Sparkassen Chess Trophy.
1. In Dortmund hast du für den SC Hansa deine ersten Schritte in der Schachbundesliga gemacht, eine deiner Großmeister-Normen erlangt und im vergangenen Jahr die Sparkassen Chess Trophy gewonnen. Welchen Stellenwert hat diese Stadt für dich in deiner sportlichen Laufbahn?
Dortmund hat definitiv einen gewissen Stellenwert. Schon als Kind habe ich immer das Open gespielt und bin dann irgendwie alle Stationen des Turniers durchgegangen. Als es das Topturnier noch gab, habe ich dort auch einmal mitgespielt. Hinzukommend habe ich dann auch eine Saison für Hansa in der 1. Bundesliga gespielt.
Es ist für mich relativ nah dran und halt so die nächstgrößere Stadt, in der viel Schach für mich stattgefunden hat. Dortmund ist wohl eine der deutschen Städte, in denen ich am meisten Schach gespielt habe.
2. Du hast in letzter Zeit häufig sehr starke internationale Turniere gespielt, wo dir häufiger die Rolle des Außenseiters zugeschrieben wurde. In Dortmund gehst du hingegen als Favorit ins Rennen. In welcher der beiden Rollen fühlst du dich wohler?
Ich weiß nicht, ob man das pauschal sagen kann. Es ist meistens gut, wenn man in einem Turnier der Außenseiter ist, weil es bedeutet, dass man sich für ein sehr gutes Turnier qualifiziert hat – gerade, wenn man mit meiner Spielstärke noch Außenseiter ist.
Auf der anderen Seite freue ich mich ehrlich gesagt auch wieder darauf, hier in Dortmund ein normales Open-Turnier mitzuspielen, wo man Favorit ist und auch viel gegen Schwächere spielt, weil ich das dieses Jahr noch gar nicht hatte. Eigentlich war fast jeder Gegner, gegen den ich im klassischen Schach gespielt habe, Großmeister und relativ stark. Also ich freue mich auf die Abwechslung.
3. Du warst in diesem Jahr der erste deutsche Teilnehmer am Kandidatenturnier seit 35 Jahren. Für alle, die mit Schach nicht so vertraut sind: Warum ist das ein so großer Erfolg und wie hast du diese Erfahrung erlebt?
Das Kandidatenturnier ist die letzte Vorstufe vor der Weltmeisterschaft. Das WM-Match im Schach sind ja einfach nur zwei Spieler: der Titelverteidiger und der Herausforderer. Im Kandidatenturnier sind hingegen acht Spieler, und einer davon wird dann der neue Herausforderer, der dann um die Weltmeisterschaft spielt. Wenn man das WM-Match als das höchste Turnier nimmt, dann ist das Kandidatenturnier das zweithöchste Turnier im Schach.
Da es das Turnier nur alle zwei Jahre gibt und es sehr schwer ist, reinzukommen, war es natürlich ein riesiger Erfolg für mich. Wie du gerade erwähnt hast: Es hat lange kein deutscher Spieler mehr geschafft, und es war eine sehr coole Erfahrung für mich. Es hat leider nicht so geklappt, wie ich es mir erhofft hatte, weil ein Spieler in dem Turnier ziemlich durchmarschiert ist.
4. Gegen diesen Spieler konntest du zumindest zwei Mal remisieren, was allen anderen nicht so richtig gelang.
Das stimmt, aber es hilft auch nicht viel, wenn ich gegen ihn remisiere, alle anderen gegen ihn verlieren und er gefühlt schon nach der Hälfte des Turniers als Sieger feststeht. Es war ab einem gewissen Zeitpunkt mehr oder weniger klar, dass er das Turnier gewinnen wird. Das ist natürlich frustrierend für alle anderen Teilnehmer, weil man noch Hoffnung auf den ersten Platz haben will, zumal auch nur der erste Platz wirklich zählt.
5. Als die Qualifikation für das Kandidatenturnier feststand, hast du auf die Glückwünsche des Bundestrainers nur mit „Jo, das war okay“ reagiert. Beschreibt diese Antwort Matthias Blübaum als Person ziemlich gut?
Naja gut. Das war eher eine private Kommunikation mit dem Bundestrainer. Er schreibt gerne auch selbst in dieser Art und Weise, weshalb das natürlich ein fieses Zitat ist. Das war einfach nur eine private WhatsApp-Nachricht, die plötzlich als Zitat irgendwo veröffentlicht wurde.
6. Wenn du über deine Partien sprichst, gehst du oft sehr kritisch mit dir selbst um. Ist das eher eine Stärke oder manchmal auch eine Schwäche?
Es ist immer schwer zu sagen. Zu einem gewissen Grad ist es auch immer eine Stärke, da ich von mir erwarte, dass ich besser spielen kann. Ich gebe mich sozusagen nicht damit zufrieden, wenn ich nicht optimal spiele, sondern ich will eben immer besser spielen.
Aber klar, manchmal kann es auch hilfreich sein, wenn man auf sich selbst vertraut, und man sollte da eine gewisse Balance finden. Ich weiß nicht, ob ich der richtige Mensch bin, um zu sagen, dass man da eine Balance finden muss. Es ist nie leicht, jeder Mensch ist auch anders vom Typ her. Es gibt Schachspieler, die eher mit sich selbst ins Gericht gehen, und es gibt andere, die das vielleicht weniger tun.
Das kennt wahrscheinlich jeder Schachspieler. Man ist für seine eigene Partie verantwortlich und ärgert sich halt sehr über sich selbst, wenn man irgendetwas übersieht oder einstellt.
7. Dein Nationalmannschaftskollege Rasmus Svane hat dich während des Kandidatenturniers begleitet und spielt nun auch in Dortmund mit. Wird es ungewohnt sein, gegen ihn anzutreten, nachdem ihr monatelang so intensiv zusammengearbeitet habt?
Ja, ausgerechnet dieses Jahr haben wir sehr viel zusammengearbeitet. Also ich hätte auch nichts dagegen, wenn dieses Duell nicht zwingend stattfinden muss. Ich meine, es ist ein großes Open-Turnier, es ist ja nicht gesetzt, dass die Partie stattfindet. Selbst wenn wir beide vorne spielen, ist es alles andere als sicher, dass wir gegeneinander kommen. Es gibt auch nur neun Runden, also mal gucken. Wir haben auch schon oft genug gegeneinander gespielt.
8. Wie lange kennt ihr euch schon?
Seit es diese Prinzengruppe gibt. Wir haben auch schon mal in der U10 gegeneinander gespielt, aber da kannten wir uns noch nicht gut. Ich tue mich halt immer schwer damit zu sagen, wann diese Prinzengruppe angefangen hat, aber seitdem kennen wir uns gut. Wir waren vielleicht um die zehn Jahre alt, aber das genaue Alter weiß ich nicht mehr. Auf jeden Fall kennen wir uns schon einige Jahre.
9. Deutschlands Topspieler Vincent Keymer scheint sich inzwischen dauerhaft in den Top 10 der Weltrangliste etabliert zu haben. Was macht den Unterschied zwischen seinem und deinem Spielniveau aus?
Es sind viele kleinere Sachen, die irgendwie zusammenkommen müssen, damit man stabil in den Top 10 ist. Der größte Punkt ist die Konstanz, mit der die guten Ergebnisse abliefert werden. Ich bin auch in der Lage, einige Performances auf dem Niveau eines Top-10-Spielers abzuliefern, habe dann aber auch immer mal wieder ein etwas schwächeres Turnier dazwischen. Das haben solche Leute dann eben nicht.
Dann kommen noch Dinge dazu wie minimal mehr Arbeit am Schach, minimal mehr Vorbereitung. Generell sind es Kleinigkeiten, und die machen in der Weltspitze im Gesamtbild den Unterschied.
10. Wie viel Potenzial siehst du noch bei dir?
Ich bin gerade an meinem Peak und würde hoffen, dass es noch ein bisschen hochgeht. Ich finde, es ist schwer, Potenzial einzuschätzen. Ich bin für Schachverhältnisse kein junger Spieler mehr, eher ein relativ alter. Es ist nicht zwingend zu erwarten, dass ich noch einen großen Sprung nach oben mache.
Andererseits hätte mir das vor dem Kandidatenturnier auch niemand zugetraut. Von daher: mal gucken. Vielleicht geht noch was. Es wäre auf jeden Fall schön.
11. Entsteht zwischen den beiden besten deutschen Spielern automatisch Konkurrenz oder überwiegt der gegenseitige Respekt?
Es ist hauptsächlich Freundschaft. Wir verstehen uns gut. Natürlich war es in dem Turnier, in dem ich mich für das Kandidatenturnier qualifiziert habe, so, dass er sich nicht qualifiziert hat. Das lag auch daran, dass wir gegeneinander gespielt haben. Klar, Konkurrenz gehört dazu, aber grundsätzlich verstehen wir uns.
12. Bei den Dortmunder Schachtagen wird erneut ein internationales Frauenturnier ausgetragen. Wie beurteilst du die Entwicklung des Frauenschachs – sowohl in Deutschland als auch international?
Es ist immer schwierig. Ich glaube, Dortmund ist eines der wenigen Turniere, die ein Frauenturnier austragen, ohne parallel ein offenes Top-Turnier laufen zu haben. In der Hinsicht ist Dortmund einer der Vorreiter. Es ist grundsätzlich gut, wenn mehr für Frauenschach getan wird. Es ist immer noch so, dass Frauenschach etwas hinterherhinkt und der Anteil von Frauen im Schach sehr gering ist.13. Im Herbst steht die Schacholympiade an. Wie schätzt du die Chancen der deutschen Nationalmannschaft ein?
Wir haben ein sehr gutes Team. Mit Vincent haben wir einen Top-10-Spieler, ich bin circa Top 40, die anderen knapp Top 100. Wir haben ein gutes und auch relativ junges Team. Ich bin der älteste Spieler der Mannschaft, aber wir sind auch alle noch unter 30.
Man weiß nie, wie es läuft. Es ist auf der einen Seite ein Mannschaftswettbewerb, auf der anderen sitzen trotzdem alle Spieler einzeln am Brett und spielen ihre Partien. Damit ein gutes Resultat rauskommt, müssen vier von fünf Leuten in Form sein, und das weiß man vorher nie.
Ich denke, Chancen haben wir, und wenn wir gut in Form sind, ist auch eine Medaille drin. Wir werden relativ weit vorne gesetzt sein, so auf Platz fünf oder sechs. Es wäre schön, wenn wir vorne angreifen könnten.
14. Was würdest du sagen spielt der Teamgeist bei so einem Event für eine Rolle? Wie du bereits erwähnt hast, Rasmus und du euch kennt schon ziemlich lange.
Auch Alexander Donchenko spielt in der Nationalmannschaft, der war auch in der Prinzengruppe. Vincent und Frederik sind einige Jahre jünger, aber ich kenne sie jetzt auch schon ziemlich lange. Unser Verhältnis untereinander ist sehr gut. Teamgeist kann auf jeden Fall nicht schaden. Wie viel es am Ende ausmacht, weiß man nie, aber wir haben einen guten Teamspirit und vielleicht hilft das.
15. Machen andere Länder wie Usbekistan oder Indien, die reihenweise Topspieler hervorzubringen scheinen, etwas anders oder besser als wir in Deutschland?
Der Grund dafür ist relativ simpel. Es steckt mehr Geld drin, aber es ist auch so in solchen Ländern, dass es für junge Spieler interessanter ist. Da kann Schach der Weg nach oben sein. Das ist in Deutschland einfach nicht so. Wir sind ein ganz anderes Land.
Hier in Deutschland ist halt ein normaler Job in den allermeisten Fällen finanziell lukrativer, als auf die Karte Schach zu setzen. Das ist in solchen Ländern anders. Da gibt es dann auch andere Förderungen von den Regierungen, weil sie sich mit Schach als Sportart profilieren möchten.
Das brauchen wir in Deutschland nicht. Wir sind bekannt in anderen Sportarten. Das kann man nicht wirklich vergleichen. Da fließen dann einfach andere Gelder.
16. Mit etwas Abstand zum Kandidatenturnier: Welche schachlichen Ziele hast du dir als Nächstes gesetzt?
Natürlich wäre die Medaille bei der Schacholympiade schön. Ansonsten wäre eine Elo-Zahl über 2700 ein großer Schritt. Das ist halt nach wie vor das Ziel. Ich möchte mich weiter vorne in der Weltrangliste stabilisieren können. Es ist allerdings nicht leicht.
Ansonsten geht auch bald der nächste Zyklus für die Weltmeisterschaft los. Nicht, dass ich davon ausgehen kann, dass ich mich wieder für das Kandidatenturnier qualifizieren kann, aber es ist natürlich ein Ziel. Dementsprechend versucht man, bei den Events dann gut zu spielen.
17. Im November trifft Javokhir Sindarov auf Weltmeister Gukesh Dommaraju. Du hast ja auch gegen beide häufiger gespielt. Was ist dein Expertentipp für dieses Match– und warum?
Aktuell würde wohl jeder sagen, dass Sindarov der Favorit ist. Er ist einfach viel besser in Form und hat eine deutlich höhere Elo als Gukesh, auch weil Gukesh in letzter Zeit nicht gut gespielt hat.
Ich persönlich habe auch einen guten Score gegen Gukesh. In Wijk aan Zee habe ich gegen ihn gewonnen, während ich gegen Sindarov verloren habe. Es gibt viele Indizien, warum ich sagen würde, dass Sindarov der leichte Favorit ist.
Andererseits weiß man das vor so einem Match nie. Die Spieler stehen unter sehr viel Druck, und man spielt als Schachspieler nicht sehr oft Matches. Normalerweise spielt man Turniere, bei denen man viele unterschiedliche Gegner bekommt.
Gukesh hat den Vorteil, dass er schon ein WM-Match hinter sich hat. Er kennt den Druck. Er weiß, wie es läuft. Trotzdem würde ich rein nach der Form sagen, dass Sindarov leichter Favorit ist. Kein riesiger Favorit. Ich wäre so bei 55 Prozent.
18. Glaubst du, dass sich der Knoten bei Gukesh lösen könnte, wenn er das Match überraschenderweise gewinnt?
Ich glaube, er braucht allgemein ein gutes Turnier, damit sich der Knoten wieder löst. Er befindet sich gerade in einer Abwärtsspirale. Die Events laufen nicht gut, und man ist dann irgendwie demotivierter für das nächste Event. Man setzt sich noch mehr unter Druck, weil man sich denkt: „Jetzt will ich es beweisen.“ Das führt meistens nicht zu besseren Ergebnissen.
Früher oder später muss er ja auch mal wieder ein vernünftiges Turnier spielen. Das WM-Match wäre natürlich der größte Erfolg. Dann kommt er auch wieder in eine gute Form.
Das Interview wurde geführt von Fabian Stemmler.
