GK Interview Web02Wladimir Kramnik mit einem Interview während der Sparkassen Chess Trophy 2021

Im Rahmen der 48. Internationalen Dortmunder Schachtage in Dortmund führte Pressesprecher Patrick Zelbel ein ausführliches Interview mit Wladimir Kramnik. Der 14. Schachweltmeister der Geschichte gibt Einblicke in seinen Rücktritt, in seine Motivation sich für das "No Castling" Format wieder ans Brett gesetzt zu haben und erklärt die Ideen hinter dieser Schachvariante.

Das komplette Interview ist hier zu findenInterview auf YouTube

Hier findet sich ein zusammenfassender Ausschnitt auf Deutsch in Textform:

PZ:
Du hast deine professionelle Turnierschachkarriere vor mehr als 2 Jahren beendet. Nun bist du zurück mit dem Match gegen Viswanathan Anand in der speziellen rochadefreien Schachvariante, über die wir gleich sprechen. Wie fühlt es sich an wieder am Brett für klassische Schachpartien zu sitzen?

WK:
Ich würde nicht sagen, dass ich komplett zurück bin. Es ist für diesen speziellen Ort und aufgrund der Schachvariante, die ich sehr mag und welche ich promoten möchte. Das sind die Gründe für meine Rückkehr, aber generell bin ich nicht mehr aktiv. Es fühlt sich gut an wieder in Dortmund zu sein, ich genieße die Partien und ich würde sagen mir ist das Resultat des Matches nicht mehr so wichtig wie früher. Ich möchte es komplett genießen und den Zuschauern attraktive Partien bieten.

PZ: Wie war es für dich als du 2019 deine Karriere beendet hast? Hast du dich schnell an die neue Situation, nicht mehr Schachprofi zu sein, gewöhnt?

WK: Es war ein Prozess für mich. Bereits ein Jahr bevor ich offiziell zurücktrat, fühlte ich mich nicht mehr als professioneller Spieler. Meine Ergebnisse waren mir nicht mehr so wichtig. Es gibt Momente und Phasen im Leben, da ändern sich Schwerpunkte und professionelles Schach war mir nicht mehr so wichtig. Natürlich vermisst man manchmal das Adrenalin und die Routine, die man gewöhnt war. Aber andrerseits muss man nicht mehr Tag und Nacht für sein Schach arbeiten. Klassisches Schach benötigt mittlerweile so viel Arbeit und ist nicht mehr so kreativ, weil Computer den Spielern alles zeigen. Vielleicht wäre es anders gewesen, wenn es diese Schachvarianten wie das „No Castling Chess“ gegeben hätte. Also es war damit verbunden, wie sich Schach auf höchstem Niveau entwickelt hat, was mich nicht mehr so begeistert hat.

PZ: Wie ist es, wenn du nun in Dortmund wieder an das Brett gehst, fühlst du noch die Aufregung vor den Partien?

WK: Nein, ich bin nicht aufgeregt oder nervös. Für mich ist es einfach ein sehr angenehmer Moment, wo ich kreativ werden kann und interessante Ideen im Schach finden kann. Das ist ein Zeichen, dass ich kein professioneller Schachspieler mehr bin, sondern es als schönes Hobby sehe. Man kann es nicht vergleichen mit den Weltmeisterschaften früher.

PZ: Du hast Dortmund als dein „Wohnzimmer“ beschrieben – was hat die Sparkassen Chess Trophy für eine Bedeutung für dich und wie schätzt du den jahrelangen besonderen Support der Hauptsponsor über die vielen Jahre ein?

WK: Es ist ein großer Teil der Geschichte für die Stadt Dortmund und die Schachwelt, es gibt keine anderen Events mit so einer langen Geschichte. Es wäre sehr traurig, wenn es diese Veranstaltung nicht geben würde. Es ist viel mehr als nur ein Schachturnier, ein traditionelles Event für die Leute aus meiner Generation. Wir können weltweit dankbar sein, dass es diese Schachveranstaltung gibt.

PZ: Du hast alles gewonnen was es im Schach zu gewinnen gibt, bist einer der größten Schachspieler aller Zeiten. Nun kommst du zurück für ein Match im „No Castling Chess“, das heißt einer Schachpartie mit allen bekannten Regeln, aber ohne die Möglichkeit der Rochade. Was macht diese Variante für dich aus?

WK: Es ist ein sehr interessanter Versuch für das professionelle Schach. Für das Amateurlevel ebenfalls, aber hier kann man auch klassisches Schach spielen. Auf Profiniveau gibt es die Tendenz, dass die Inhalte der Partien uninteressanter werden. Man sieht es am letzten WM-Match, in dem die 12 Partien alle unentschieden endeten. Die modernen Computer sind so stark, sodass die meisten Partieeröffnungen sterilisiert sind, weil die Profis zu viel wissen. So haben wir überlegt, wie man das Schach wieder kreativer gestalten kann, damit der bessere Schachspieler mehr Chancen hat. Und das rochadefreie Spiel ist eine simple Idee, keiner muss neue Regeln lernen und trotzdem wird das Spiel dynamischer. Ich habe mit DeepMind und seiner künstlichen Intelligenz AlphaZero dran gearbeitet und wir haben gesehen, dass dieses Schach zu noch interessanteren Partien als im heutigen klassischen Schach führen. Auch in anderen Sportarten werden Regeln immer wieder angepasst, also sehe ich kein Problem an kleinen Änderungen.

PZ: Wie sieht diese Kooperation mit der weltweit führenden Unternehmung im Bereich der künstlichen Intelligenz, DeepMind, genau aus?

WK: Demis Hassabis, CEO von DeepMind, war selbst ein starker Jugendspieler, wir haben damals gegeneinander gespielt. Er war schlau genug, sich dann auf Wissenschaft und Mathematik zu konzentrieren (lacht). Er hat mich zu DeepMind eingeladen und ich habe ihm von der Idee „No Castling Chess“ erzählt und er fand es sehr spannend, sodass das Programm AlphaZero sich mit verschiedenen Schachvarianten beschäftigte. Die künstliche Intelligenz lernt dabei sehr schnell und hat verschiedene Ideen verglichen, sodass wir gemeinsam ein wissenschaftliches Paper veröffentlicht haben. Ich freue mich sehr, dass DeepMind nun auch für die Internationalen Dortmunder Schachtage Partner ist und sie das bleiben möchten.

PZ: Lass uns kurz über dein Match gegen deinen alten Rivalen Vishy Anand sprechen. Du hast die erste Partie verloren, die zweite remis gespielt. Wie fühlt sich das Match bislang an?

WK: Gut, ich spiele gegen einen sehr starken Gegner und ich habe lange kein ernsthaftes Schach gespielt. Anand ist der schwierigste Gegner in diesem neuen Format, da er immer der beste Spieler der Welt bei offenen Königen war und nun sind die Könige von Beginn an unter Beschuss. Er hat die erste Partie sehr stark gespielt, nachdem ich eine sehr riskante Eröffnung wählte. Bislang bin ich zwar nicht mit dem Resultat zufrieden, aber mit meinem Level, denn auch die zweite Partie war von beiden Seiten stark gespielt und für die Zuschauer interessant. Ich freue mich auf die nächsten Partien und möchte natürlich eine Partie gewinnen und das Resultat verbessern, auch wenn das wichtigste ist den Leuten zu zeigen wie spannend diese Schachvariante ist.

PZ: Die Organisation hat viele neue Ideen, wie ist die Atmosphäre für dich in den Westfalenhallen Dortmund?

WK: Es ist wichtig, dass wir nach langer Pandemiephase wieder eine Live-Veranstaltung haben. Die Spielbedingungen sind perfekt und Dortmund ist ein sehr wichtiger Ort in meinem Leben. Insgesamt habe ich hier über ein Jahr meines Lebens verbracht und es ist schön wieder an bekannte Orte zu kommen und zu sehen, was sich verändert. Das Wetter hätte ein wenig besser sein können, aber ist perfekt für mich – fehlt nur noch, dass ich das Match nicht verliere.

PZ: Was sind deine Pläne nach deinem Match im NC World Masters?

WK: Wir sind in einer komplizierten Situation. Ich habe viele Pläne und Projekte, Ideen auch für das Schach. Ich freue mich sehr, wenn wir wieder mehr persönlich umsetzen können, anstatt nur online. Momentan kann ich aber nicht langfristig planen und schaue von Woche zu Woche, freue mich erstmal, dass wir hier wieder ein großes Event vor Ort haben.

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